Abi oder Reisen?

Genau diese Frage hat mich seit einigen Monaten beschäftigt. Seit August 2017 besuche ich jeden Tag ein Abendgymnasium in meiner Heimatstadt. Das Abitur zu machen war mir früher immer besonders wichtig. Ich war selbst ab der 5. Klasse am Gymnasium, musste aber 9. und 10. Klasse auf die Realschule wechseln, weil mich die Schule zu der Zeit noch nicht interessiert hat. Ich meine ich war 14 Jahre alt, mitten in der Pubertät, wen interessiert da schon die Schule?

Ich hatte jedenfalls besseres in meiner Freizeit zu tun als mich um gute Noten zu kümmern. Was wohl nicht zuletzt daran lag, dass ich mit meinen 14 Jahren noch keine berufliche Perspektive hatte. Es gab kein großes Ziel in meinem Leben, außer mit Ach und Krach in die nächste Klasse versetzt zu werden. Mir fehlte eindeutig das Warum. Warum soll ich wissen wie ein Atom aufgebaut ist, wenn ich es doch sowieso nie zu Gesicht bekomme? Warum soll ich wissen wie man Wurzeln per Hand ausrechnet, wenn es doch Taschenrechner gibt? Das alles ergab für mich wenig Sinn.

Nachdem ich die Realschule mit einem schon fast peinlichen Durchschnitt von 3,1 beendete, beschritt ich den nächsten beruflichen Schritt meines Lebens. Die Ausbildung als Technische Zeichnerin. Sowohl auf der Arbeit als auch in der Berufsschule ging es weiter mit dem „Wozu zum Teufel brauche ich den Scheiß?“ 

Die ersten Wochen meiner Ausbildung war ich damit beschäftig ein U-Stahl auf ein bestimmtes Millimetermaß zu feilen. Zu FEILEN! Wochenlang! Man hätte es auch fräsen können, aber ich sollte ja lernen wie anstrengend doch das Feilen ist. Jeden Tag, acht Stunden, stand ich vor meinem Werktisch, feilte dieses Ding und starrte auf die Uhr, in der Hoffnung sie würde sich dadurch schneller bewegen. Anfangs war es noch okay, da ich den Glauben hatte „Arbeit ist das Gegenteil von Spaß. Ich bin hier, um Geld zu verdienen, also muss ich wohl da durch.“

Sieben Jahre später weiß ich, das ist totaler Bullshit! Wer sagt denn bitte, dass Arbeit keinen Spaß macht? Viele Menschen haben leider Gottes einen Job, bei dem sie ihre kostbare Zeit gegen Geld eintauschen, einen Job, den sie hassen und wofür sie sich jeden Morgen aus dem Bett quälen müssen. Ich behaupte nicht, dass mein Job ein schlechter war. Ganz und gar nicht. Ich war einfach nicht die richtige Person dafür. Ich habe mich noch nie für Metall, Autos oder Rohre interessiert und werde es auch niemals tun. Es gibt genügend Menschen, die in diesem Beruf aufgehen und das sind diejenigen, die ihn machen sollten.

Ich habe meine Stelle sehr gerne für eine Person aufgegeben, die wirklich Spaß daran hat.

 

Für mich gab es damals ein besonderes Ereignis, welches mich dazu gebracht hat mein Abitur nachholen zu wollen. Ich saß im Zug, kam gerade vom Cro Konzert und neben mir saßen fünf Freundinnen, die ich damals auf dem Gymnasium kennengelernt hatte. Ich war nicht sonderlich gut mit ihnen befreundet, aber ab und an haben wir uns als Clique getroffen.

Ich, die einzige, die eine Ausbildung macht, neben allen anderen die gerade in der 12. Klasse waren. Sie standen kurz vor den Abiprüfungen und genau darum drehten sich auf dem Rückweg alle Gespräche. Ich konnte so grade eben das Wort „semipermeabel“ aufschnappen und war natürlich die einzige, die nicht wusste was es bedeutet. Zu Hause angekommen, googelte ich es sofort. Im Zug saß ich die ganze Zeit stumm wie ein Fisch da. In kurz: Ich fühlte mich dumm. Dumm, weil ich eine Ausbildung machte, die mich nicht interessierte und dumm, weil ich das Gymnasium nicht geschafft habe, im Gegensatz zu meinen Freundinnen.

Es fühlte sich an als stünde ich eine Stufe unter ihnen auf der Intelligenzbank. Dieses Erlebnis wollte ich kein zweites Mal. Ich beschloss das Abitur nachzuholen. Bis es dazu tatsächlich kam dauerte es noch etwas, doch ich hatte einen zweiten Grund gefunden. Ein berufliches Ziel, welches ich ohne Abitur nicht anstreben kann. Ich wollte Journalistin werden und bei einer Zeitung oder Zeitschrift arbeiten.

Wie man sieht ist es jetzt immer noch mein Traum und tatsächlich meine große Leidenschaft Gedanken zu Papier zu bringen. Mittlerweile ist es jedoch digitales Papier geworden.

 

 

Im letzten Jahr bemerkte ich noch eine weitere ebenso große Leidenschaft: Das Reisen. Ich hatte schon von diesen digitalen Nomaden gehört, und wusste es gab Leute, die reisen und arbeiten zugleich können, aber dass ausgerechnet ich eine von diesen sein könnte? Daran hatte ich nie gedacht.

Ich kleines, dummes Mädchen sollte es schaffen vom selbstständigen Schreiben leben und reisen zu können?! Dass ich es kann, stellte ich fest als ich meinen ersten Job als Texterin bekam und das war, zufälligerweise, auf Reisen.

Trotzdem begann ich im August das Abitur, für welches ich schon längst angemeldet war. Ich wollte endlich auf dem gleichen Wissenstand sein wie mein Umfeld. In einer Biostunde vor ca. zwei Monaten fand ich heraus, dass das nichts weiter als eine Illusion war. Es war der Moment, in dem mein Biolehrer uns erklärte das Wort semipermeabel sei veraltet, es wurde durch selektiv permeabel ersetzt. Es begann mit diesem Wort „semipermeabel“ und hörte auch damit auf. Undzwar damit, dass es nicht mehr existiert.

Ob meine ehemaligen Mitschüler das wohl wissen? Vermutlich werden sie immer noch irgendwo zusammen sitzen, diskutieren und am Rande das Wort „semipermabel“ mit einbringen.

So begriff ich, dass diese vermeintliche Intelligenzbank ebenfalls nichts weiter als eine Illusion war. Ich sah es als ein Zeichen, all die Jahre aufgrund dieses einen Wortes das Abitur haben zu wollen, um dann festzustellen, dass es das Wort nicht mehr gibt.

 

Aber was bedeutet denn nun dann Intelligenz?

Man sagt: Intelligenz ist das, was einsetzt, wenn man nicht mehr weiß was man machen soll. 

Stimmt  das?  – Ich habe keine Ahnung.

Ich weiß nur, dass Schule nichts mit Intelligenz zu tun haben muss.

 

 

Eure Jasmin

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